Schüler als Lehrer II
Ein Interview mit Michael Drabe, Geschäftsführer von "Schule ans Netz"
Glauben Sie, dass Lehrer generell Kompetenzverlustängste haben, wenn Schüler ihnen was beibringen?
Ich würde das nicht direkt als Kompetenzverlust bezeichnen, sondern eher als die Furcht ihre Autorität einzubüßen. Das ist für Lehrer ein Riesenproblem. Schließlich sind sie es gewohnt Kompetenz an Schüler zu vermitteln- und nicht umgekehrt. Insofern ist heute diese Angst mess- und fühlbar.
Wie lässt sich diese Angst beseitigen?
Da gibt es viele Möglichkeiten. Wir weisen die Lehrer auf ihr Verhalten und Rollenverständnis gegenüber ihren eigenen Kinder hin. Denn zu Hause reagieren sie ja auch ganz anders.
Verlieren Lehrer denn tatsächlich ihre Kompetenz?
Nein. Absolut nicht. Vor allem nicht, weil sie eine ganze Menge dazulernen können. Die Lehrerkräfte beobachten zum Beispiel, wie die Schüler mit der neuen Situation umgehen. Wenn sie dann unter diesem Gesichtspunkt die richtigen Fragen stellen, können sie doch sehr viel dabei für sich herausholen. Die Erfahrung zeigt bei dem Teach-Your-Teacher- Programm, dass diese Lehrer völlig entspannt aus der Fortbildung herausgehen und dabei sehen, wie es sonst den Schülern geht.
Seit wann gibt es das Programm TYT?
Schon 1997 konnten sich Schulen bewerben. Mittlerweile hoffen wir, dass die Initiative noch mehr aufgegriffen wird, ohne das wir damit noch viel zu tun haben. Wir wollten das nur anschieben.
Sind es bestimmte Schulen, die an TYT teilnehmen?
Sie finden Fortbildungen von Schülern für Lehrer hauptsächlich an allgemeinbildenden Schulen. Allerdings weniger an Berufsbildenden Schulen, weil dort die Vernetzung noch nicht soweit ist. In den Grundschulen fangen wir gerade damit an, die Lehrer auf die Umsetzung einer solchen Fortbildung hinzuweisen.
Was ist das Ziel von TYT?
TYT soll die Kompetenz einer Schule ausnutzen helfen. Wissen Sie, die Computer-Kompetenz einer Schule ist bis jetzt relativ isoliert und stützt sich höchstens auf zwei oder drei Lehrer, die vornehmlich für den naturwissenschaftlichen Bereich zuständig sind.
Auf der anderen Seite gibt es immer mehr Schüler, die von Zuhause aus gewohnt sind mit dem PC umzugehen.
Um den Fortschritt in den Schulen zu forcieren und dieses Ungleichgewicht auszubalancieren, sollten meiner Meinung nach vor allem diese Schülerkompetenzen mit genutzt werden.
Was machen die Lehrer danach? Setzen sie die neuen Kenntnisse in den Schulen um?
So schnell geht das nicht. TYT nimmt zunächst erst mal die Angst. Mehr nicht. Die Lehrer setzen sich zu Hause hin, beschäftigten sich mit diesem neuen Medium, recherchieren ein wenig im Internet und nach mehreren Rückfragen bei den Schülern, beginnt der Einsatz im Unterricht meistens etwa nach einem halben Jahr.
Von wem geht die Initiative aus? CON SAN?
Schulen ans Netz macht nur darauf aufmerksam. In der Regel ergreift die Schule die Initiative selbst. Sehr viel Engagement geht von den Schülern aus, die sich sagen: "Wir müssen unsere Pauker da auf Linie bringen, damit wir diese Medium im Unterricht stärker einsetzen können".
Sind Schüler gute Lehrer?
Das ist sehr unterschiedlich. Lehrer haben mit dem Schülerunterricht große Schwierigkeiten. Denn die Schüler sind nicht strukturiert, sondern auch chaotisch.
Gibt es auch Probleme?
Ja. Schüler neigen sehr schnell zu Selbstüberschätzung. Sie bauen sich rasch ein Monopol auf, um eigene Interessen in den Räumlichkeiten umsetzen. Das eigentliche Problem ist aber, dass Schüler ihre Verantwortung für andere nicht so stark wahrnehmen, wie das in der Erwachsenenwelt häufiger vorkommt.
Welche konkreten Nachteile hat das?
Ganz praktisch gesehen: Dass manche Netzwerke nicht mehr laufen, weil der Schüler soviel darin verändert hat. Und niemand kann das mehr nachvollziehen.
Wie können sich Schulen davor schützen?
Die Kompetenz der Lehrer erhöhen, damit sie auch erkennen können, wenn etwas aus dem Ruder läuft. Die Lehrer müssen begreifen, dass sie selber die Verantwortung für so ein Netzwerk und auch die Aufsicht über das Gesamtkonzept übernehmen müssen. Das wird vielfach übersehen. Deswegen ist schon so manches Kind in den Brunnen gefallen.
Wie ist das mit der Ausbildung der Lehrer. Heute haben wohl viele einen PC Zuhause, aber kaum berufliche Erfahrungen damit.
Es gibt einzelne pädagogische Schulen, die das in die Ausbildung mit aufnehmen, es ist aber längst kein Standard. Ich vermute, dass dies in den nächsten ein bis zwei Jahren kommt. Fakt ist, dass laut einer Studie, die Hälfte aller Lehramtsstudenten keinen Kontakt zum PC hat. Da muss man noch viel machen. Viele Fakultäten argumentieren damit, dass sie keine PCs haben und es deshalb nicht machen können.
Was ist das wahre Argument?
Überspitzt formuliert, sind die meisten in einem Alter, indem sie sich das nicht mehr antun wollen. Da muss man wieder einmal auf die Freiwilligkeit hinweisen. Meistens wird es dann in der Referendarausbildung übernommen. Dann nahm ich fassungslos zur Kenntnis, dass die Referendare sagen: "Das hab ich in meinem Studium nicht gelernt, das fasse ich auch jetzt nicht an!" Das ist zwar eher die Ausnahme, aber für mich durchaus noch verbesserungswürdig.
Zukunftsmodell- Ihr Traum...
Meine Vision ist, dass die Neuen Medien nicht anders genutzt werden sollten wie das Telefon. Die Nutzung des PCs soll in die Qualifikation eines Jeden einfließen wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Von der Grundschule an haben wir uns diese Fähigkeiten angeeignet und sie von Schule bis zum Beruf benutzt.
Insofern habe ich die Vision, dass wir schon in der Grundschule mit Computern beginnen und nicht erst am Ende der Ausbildung in der Universität.
Eigentlich muss man sich doch den vielen technischen Veränderungen des PCs anpassen - das ist nicht zu schaffen.
Das sehe ich anders. Die Grundbegriffe sind auch an älteren Geräten erlernbar. Später kann man dann in speziellere Richtungen gehen. Dann können sich auch Schulen zusammenschließen, um diese spezifischen Anschaffungen zu tätigen. All das ist möglich. Wir müssen nur die Schulen dazu bringen in diese Richtung zu denken.
Wo liegt denn die Verantwortung, die Kindern an den PC zu bringen. Bei den Eltern, den Pädagogen, dem Kultusminister?
In der Gesellschaft. Jeder hat dafür Verantwortung zu tragen: Die Eltern zu Hause, der Schulträger durch entsprechende Finanzierungsmodelle, das Kultusministerium durch Fortbildungskonzepte für Lehrer. Im Rahmen der Schulentwicklung ist die gesamte Kommune aufgefordert. Das Zusammenspiel der Kommunalpolitiker und Lehrer und Eltern muss vor Ort organisiert werden. Somit ist das ein gesellschaftspolitischer Auftrag, den ich auch genauso definiert sehen möchte.
Der Druck kommt aber von den Eltern?
Eindeutig. In der Grundschule merke ich ihn an allen Orten. Man muss den Eltern klar machen, dass allein die Anschaffung von PCs nicht akzeptabel ist. Auch hier liegt die Notwendigkeit der kultusministeriellen Unterstützung im Rahmen der Schulentwicklung. Es muss sichergestellt werden, dass man das auch geeignet einbinden kann. In Amerika habe ich viele erfolgreiche Schulen kennen gelernt, die erst ihre Methodik in der Schule geändert haben – ohne PCs - und dann nachfolgend die PCs dazu gestellt haben. Damit war die Veränderung gar nicht so zu merken.
Was meinen sie, warum die Eltern soviel Druck machen?
Sie wollen ihren Kindern ersparen, das sie sich Computerkenntnisse unter größten Mühen später im Berufsleben aneignen müssen, wie es ihn selbst erging.
Liegt das an der Generation?
Die Generation der Eltern hat vor fünf Jahren noch gesagt "Damit muss ich mich doch nicht mehr beschäftigen". Dann stellten sie aber fest, dass sie das doch mussten- und verlangen jetzt das auch von der Lehrerschaft. Die Anerkennung der PCs hat sich massiv geändert.
Wann können die Lehrer denn ihre fehlende Kompetenz einholen, damit TYT nicht mehr nötig ist?
TYT darf niemals Konzeption werden, sondern nur ein additives Element im Rahmen von Fortbildungsmaßnahmen vor Ort sein. Die Ausbildung der Medienkompetenz bei den Lehrern unterliegt immer dem Kultusministerium durch entsprechende Konzepte und Maßnahmen. Das ist oberstes Ziel. Sie liegt aber auch bei dem Schulträger, der Lehrer einstellt. In München oder Nürnberg ist das gut sichtbar, wo Fortbildungen organisiert werden. Im Rahmen der Schule selber sollte dafür gesorgt werden, dass die Lehrer sich selbst fortbilden. Das muss strategisch sauber aufgesetzt werden und zwar sofort.
Werden die Lehrer die alte Kompetenz wieder erlangen, dass sie wieder in der Rolle der Kompetenteren sind?
Das heutige Rollenverständnis wird das eines Moderators sein. Die Lehrer müssen mitkriegen, welche Möglichkeiten das Internet bietet. Sie können Aufträge zur Nutzung des Webs herausgeben, ohne selbst Herr und Entwickler des Internet sein zu müssen. Das wird jetzt schon übrigens von Pädagogen bestätigt, die solche Fortbildungen anbieten. Die Verantwortung in die Schülerschaft prägt sich immer weiter aus in Zukunft. Das kann aber erst richtig beginnen, wenn die Lehrerschaft darauf vorbereitet wird. Und das ist wiederum eine Aufgabe des Kultusministeriums. In Baden-Württemberg steht in den Rahmenrichtlinien drin, dass die Lehrer fächerübergreifend agieren und schwerpunktorientiert arbeiten sollen. Sie bekommen Zeit zur Verfügung gestellt, im Lehrerteam zu arbeiten. Allerdings sollte da auch sicher gestellt werden, dass die Lehrer dazu befähigt sind, genau so zu arbeiten, und das erfordert Fortbildung und Unterstützung - da ist noch viel dran zu arbeiten. Wenn das stattfindet wird sich die Lehrerrolle in den nächsten Jahren ganz massiv ändern.
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